Mina K.
Zwischen zwei Welten

Coming out vor meiner Tochter (2021)

An einem Abend im Jahr 2021 — ich bin nicht mehr ganz sicher, welcher Monat es war — da hatte ich mal wieder eine der seltenen Gelegenheiten, ein paar Stunden als Frau zu verbringen. Unsere Tochter lag im Bett und und zog mir ein paar hübsche Sache an.

Als ich fertig war und gerade auf meinen High Heels die Treppe hinter stöckelte, da öffnete sich hinter mir plötzlich die Tür zum Kinderzimmer. In Panik beschleunigte ich meine Schritte und suchte schnell das Weite.

Natürlich war das im Grunde genommen Quatsch, denn sie war kein kleines Kind mehr und merkte sofort, dass es ihr Vater war, der da gerade in Frauenkleidung vor ihr weglief. Und trotzdem verzog ich mich so schnell wie möglich in die Sicherheit meines Büros.

Dort erreichte mich wenige Minuten später ein Anruf. Es war meine Tochter und sie fragte, warum ich Frauenkleidung trüge. Im Hintergrund hörte ich meine Frau reden.

Ich wäre am liebsten vor Scham im Boden versunken und antwortete so etwas wie, dass es nur ein schräges Hobby von mir sei und wir uns morgen darüber unterhalten könnten. Ich hatte nicht die Eier in der Hose (was ich ja im Grunde auch mit meiner Transformation beabsichtigte), ihr in meinem aktuellen Aufzug vor die Augen zu treten und darüber zu reden.

Am nächsten Tag kam das Thema jedoch nicht zur Sprache und auch ich selbst brachte nicht den Mut auf, ein Gespräch darüber anzufangen. Ich wollte es ihr ja auch nicht aufdrängen und erwartete, dass sie mit Fragen zu mir kam. Doch das passierte nicht. Ich weiß nicht, ob sie einfach nur nicht daran gedacht hatte oder ob ihr das Thema selbst unangenehm war.

Das ging tagelang so weiter. Ich sprach zwischendurch mit meiner Frau darüber, doch sie hatte auch keinen bessere Rat. Sie stimmte mir im Grunde zu, dass ich unserer Tochter nichts aufdrängen sollte. Aber ich nahm mir vor, etwaige Fragen offen und ehrlich zu beantworten, falls sie denn welche stellen würde.

Irgendwann, als meine Frau nicht anwesend war, hatte meine Tochter dann auf einmal doch ein paar fragen. Sie wollte wissen, ob ich Transgender oder schwul sei, was ich beides verneinte. Stattdessen erklärte ich, dass es nur eine Art Hobby von mir sei. Sie wirkte bei dieser lapidaren Erklärung fast ein wenig enttäuscht.

Dazu muss man wissen, dass sie mittlerweile ein frühreifer Teenager kurz vor ihrem 14. Geburtstag war und sich sehr für alles interessierte, was mit LGBTQ+ zu tun hat.

Wochen später, es musste wohl gegen Ende August sein, kam das Thema erneut zur Sprache (ich weiß nicht mehr genau, warum) und sie fragte, ob ich ein Femboy sei. Auch das verneinte ich und fragte sie, ob sie wusste, was ein Crossdresser sei. Wieder fügte ich die Erklärung hinzu, dass es nur eine Art Hobby war. Dann fragte sie, warum ich ihr das nicht schon früher erzählt hätte, ich sollte doch wissen, dass sie Verständnis dafür hat und mich "supporten" würde. Daraufhin erwiderte ich, dass das kein Thema sei, mit dem man hausieren ginge und ich auch nicht sicher war, ob sie es ihren Freunden erzählen würde. Damit war das Thema zunächst wieder erledigt.

Ich weiß nicht, ob ich mich richtig verhalten hatte, oder ob ich offener mit der Sache hätte umgehen sollen. Aber ich konnte meiner mittlerweile 14jährigen Tochter doch nicht erzählen, dass ihr Papa sich tatsächlich manchmal wünschte, eine Frau zu sein, sich als Frau in der Öffentlichkeit zu zeigen und sogar Sex als Frau mit einem Mann haben wollte, auch wenn das der Wahrheit entspräche.


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